In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, hinter Vorwürfen und Bewertungen die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Doch wenn Ärger, Frust, Wut oder Enttäuschung sehr stark sind, fällt es oft schwer, dafür Worte zu finden. Manchmal ist zunächst etwas anderes nötig: den eigenen Gefühlen Raum zu geben, ohne sie sofort erklären oder auflösen zu müssen.
Wie kann das gelingen? Mit dieser Frage haben Daniela Fuchs, Psychologin und Ausbilderin in Gewaltfreier Kommunikation, und Falk Wisinger, Boxcoach und Boxtherapeut, ein gemeinsames Boxcoaching-Projekt im Rahmen des GFK-Übungsabends im Helios Heilzentrum in Nürnberg gestaltet. Sieben Teilnehmende probierten aus, wie sich körperlicher Ausdruck mit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) verbinden lässt.
Wolf und Giraffe: zwei Arten, mit Situationen umzugehen
In der Gewaltfreien Kommunikation werden häufig die Bilder von Wolf und Giraffe verwendet. Sie stehen für unterschiedliche Arten, mit dem umzugehen, was in einer Situation geschieht.
Der Wolf symbolisiert eine Sprache, die von Vorwürfen, Bewertungen und Forderungen geprägt sein kann. Wenn wir uns ärgern, enttäuscht oder verletzt fühlen, richten wir unseren Blick oft zuerst darauf, was die andere Person falsch gemacht hat oder was sie ändern sollte. Hinter solchen Reaktionen stecken häufig eigene Gefühle und Bedürfnisse, die noch nicht klar wahrgenommen oder ausgesprochen sind.
Die Giraffe steht dagegen für die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation. Sie richtet die Aufmerksamkeit darauf, was konkret geschehen ist, was wir dabei fühlen und welches Bedürfnis berührt ist. Daraus kann eine Bitte entstehen, die dem Gegenüber Handlungsspielraum lässt. Es geht darum, sich selbst und andere besser zu verstehen, statt vorschnell zu urteilen oder Schuld zuzuweisen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Wolf einfach verschwinden soll. Ärger, Wut und Frustration gehören zum menschlichen Erleben. Sie können Hinweise darauf geben, dass etwas wichtig ist, eine Grenze berührt wurde oder ein Bedürfnis unerfüllt bleibt. Bevor ein Zugang zu diesen Gefühlen und Bedürfnissen möglich wird, kann es hilfreich sein, dem Wolf zunächst Gehör zu verschaffen.
Wenn der Wolf boxt
Genau hier setzt das Boxcoaching an. Der Wolf darf nicht nur sprechen, sondern auch boxen. Starke Gefühle müssen dabei nicht sofort in passende Worte gebracht oder mithilfe der vier GFK-Schritte sortiert werden. Stattdessen können sie zunächst körperlich Ausdruck finden.
Zu Beginn gab Falk Wisinger eine Einführung in die Grundidee des Boxcoachings und zeigte grundlegende Boxbewegungen. Die Teilnehmenden konnten sich mit den Bewegungen vertraut machen und die bereitliegenden Boxhandschuhe, Pratzen und Medizinbälle kennenlernen.
Anschließend teilten sich die sieben Teilnehmenden in zwei Zweiergruppen und eine Dreiergruppe auf. Jede Person brachte eine eigene Alltagssituation mit, die sie beschäftigte. Im Mittelpunkt stand die Frage, was in dieser Situation noch lebendig war und wie sich das eigene Erleben ausdrücken ließ.
Mit Boxhandschuhen, Pratzen und Medizinbällen konnten die Teilnehmenden dem Wolf körperlich Raum geben. Dabei ging es nicht darum, möglichst schnell ruhig zu werden oder eine Situation abschließend zu klären. Auch Wut, Frustration oder Enttäuschung durften zunächst da sein und sich in den Boxbewegungen zeigen.
Im Verlauf der Übungen kam es mitunter zu deutlichen körperlichen Reaktionen und emotionalen Regungen. Ärger und Wut wurden durch kräftiges Boxen ausgedrückt, bei einigen Teilnehmenden flossen Tränen aus Wut oder Trauer. Die Übungen ermöglichten es, Gefühle, die mit den jeweiligen Alltagssituationen verbunden waren, auch körperlich zum Ausdruck zu bringen. So wurde erfahrbar, dass das eigene Erleben nicht nur in Worten Ausdruck finden muss.
Die GFK-Schritte als Orientierung
Für die weitere Erkundung standen Bodenanker zu den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation bereit:
- Beobachtung: Was ist konkret geschehen, ohne es bereits zu bewerten?
- Gefühl: Was fühle ich in dieser Situation?
- Bedürfnis: Was ist mir wichtig? Was brauche ich?
- Bitte: Was wünsche ich mir konkret?
Diese Schritte waren als Orientierung gedacht, nicht als Pflichtprogramm. Niemand musste alle vier Schritte durchlaufen. Manchmal konnte es sinnvoll sein, bei der körperlichen Ausdrucksform zu bleiben. In anderen Momenten rückten Gefühle oder Bedürfnisse deutlicher in den Blick.
Die jeweils begleitenden Personen hörten zu und ließen Raum für das, was sich zeigte. Bei Bedarf konnten offene Fragen helfen, das Erleben weiter zu erkunden. Es ging nicht darum, die Situation für die andere Person zu lösen, sie zu bewerten oder vorschnell Ratschläge zu geben.
Erst Ausdruck, dann vielleicht neue Klarheit
Das gemeinsame Projekt verband die Grundidee der Gewaltfreien Kommunikation mit einem körperlichen Zugang. Der boxende Wolf steht dabei nicht im Gegensatz zur Giraffe. Vielmehr kann es hilfreich sein, dem eigenen Ärger zunächst Raum zu geben, bevor man versucht, die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und Gefühle, Bedürfnisse oder Bitten genauer zu benennen.
Nicht jede Übung musste mit einer Erkenntnis oder einer Lösung enden. Im Mittelpunkt stand, eine persönlich relevante Alltagssituation aufzugreifen, dem eigenen Erleben Ausdruck zu geben und wahrzunehmen, was dabei geschieht.
Das Boxcoaching ergänzte den GFK-Übungsabend damit um eine praktische Erfahrung: Manchmal beginnt die Auseinandersetzung mit einer schwierigen Situation nicht mit den richtigen Worten, sondern damit, dem eigenen Wolf erst einmal Raum zu geben – auch mit den Fäusten an den Pratzen.
Falk Wisinger Coaching & Training Boxcoaching
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Daniela Fuchs
Training. Coaching. Konfliktmediation.
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