Nov 6, 2026 @Thorsten
Therapeutisches Boxen hilft beim Dampfablassen, aber nicht so, wie viele denken: Der Weg führt über den Atem, nicht über die Wucht.
«Ich will einfach mal richtig Dampf ablassen»
Diesen Satz höre ich oft im ersten Gespräch. Ich freue mich jedes Mal, wenn jemand den Weg zu mir findet, und ich nehme den Wunsch ernst.
Trotzdem sage ich dann ehrlich: Genau das kann ich dir so nicht bieten. Was ich dir biete, ist ein Rahmen, in dem du dich regulieren kannst.
Warum blindes Draufhauen nicht hilft
Wer ohne therapeutische Begleitung einfach drauflos schlägt, übt genau das, was er eigentlich loswerden will. Die Anspannung bekommt ein Ventil, aber keine Richtung. Oft ist man danach nicht ruhiger, sondern noch aufgedrehter.
Darum arbeite ich gerne mit Elementen aus der Atemtherapie. Sie geben dem Schlageinen Takt und dem Körper eine Richtung.
Der Atem bestimmt den Schlag
Meine Lieblingsübung am Boxsack ist ganz einfach. Nicht der Arm gibt den Takt vor, sondern der Atem.
1.
Atme 3 Sekunden durch die Nase ein und zähle mit. Dabei ziehst du den Arm zurück.
2.
Atme 6 Sekunden durch den Mund aus. Während der ganzen Ausatmung geht der Armlangsam nach vorne zum Sack.
3.
Wiederhole das einige Minuten, bis Atem und Schlag im gleichen Takt laufen.
Das Einatmen ist kurz, das Ausatmen lang. Der Schlag folgt dem Atem, nicht umgekehrt.
Kein Ventil, sondern Regulation – warum therapeutisches Boxen kein Dampfablassen ist
Bewusst auf die Bremse treten
Nach zwei bis drei Minuten werden die allermeisten deutlich ruhiger. Am Anfang ist das für viele schwierig: Der Schlag ist schneller als der Atem, oder umgekehrt. Es braucht etwas Zeit, bis Körper und Atem zusammenfinden.
Wenn sie dann innehalten, spüren sie den Unterschied. Das lange Ausatmen aktiviert den Parasympathikus, den Teil unseres Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist. Wir treten ganz bewusst auf die Bremse.
Therapeutisches Boxen, nicht Boxen therapeutisch
Genau darin liegt für mich der Unterschied. Wir nutzen ein Element der Sporttherapie, das Boxen, und setzen davor immer ein therapeutisches Element, zum Beispiel eine Atemübung.
Das Ziel bleibt das gleiche: Wer Dampf ablassen möchte, möchte eigentlich zur Ruhekommen und sich regulieren. Wir gehen nur einen Weg, den er vermutlich noch nicht kennt. Dieser Weg ist funktionaler und schonender, und er wirkt über die Stunde hinaus.
Kein Boxsack im Alltag
Niemand hat immer und überall einen Boxsack dabei. Darum ist das Wichtigste, was die Menschen aus der Stunde mitnehmen, nicht der Schlag, sondern der Atem.
Wenn du nur ein Wort mitnimmst, dann dieses: Ausatmen.
Lang und ruhig. Wenn der Ärger hochkommt, ist das deine Bremse, und die hast du immer dabei.
Thorsten Ante ist dipl. Pflegefachmann HF, Sporttherapeut und Akademieleiter vonBox2Heal. Er ist Präsident des EFWTB Schweiz und spricht im Podcast «Der ganze Mensch» über seelische Gesundheit. Mehr auf
thorsten-ante.ch