Erfahrungen, eine Fallvignette und Herausforderungen aus einer psychosomatischen Facharztpraxis
Zoltan Lokodi
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Organisationsberater und Coach, Dipl. Boxtherapeut (Hilden)
In der Erstausgabe unserer Verbandszeitung (damals noch im DFWTB, heute als EFWTB auf europäischer Ebene formiert) habe ich über die Faszination und die ersten Erfahrungen berichtet, die mich Ende 2025 zur Ausbildung an die Medizinische Hochschule Hannover führten. Aus dem theoretischen Diskurs über Embodiment, Haltung und Affektregulation ist in den vergangenen Monaten ein Stück weit gelebte Praxis in meiner Praxis in Hilden geworden.
Der beste Weg, das therapeutische Boxen greifbar zu machen, führt über den konkreten Praxisalltag. Wie lässt sich das Boxsetting in eine ambulante psychotherapeutische Facharztpraxis integrieren? Wie verläuft etwa die methodische Einbettung bei komplexen Traumatisierungen? Und vor welchen ganz praktischen Herausforderungen stehen wir dabei?
1. Der Raum: Ein geschützter Erfahrungsort im Dachgeschoss
Eine der ersten praktischen Hürden beim Aufbau eines solchen Angebots ist die räumliche Umsetzung. Man benötigt keine Boxhalle, doch es braucht einen klar definierten, sicheren Resonanzraum, der therapeutisches Arbeiten ermöglicht.
Meine Praxis befindet sich in einem lichtdurchfluteten Dachgeschoss und ist bequem per Lifterreichbar. Die Raumaufteilung folgt einem bewussten Zwei-Zonen-Prinzip:
- Ein Behandlungsraum, der klassisch und ruhig für das therapeutische Gespräch gestaltet ist.
- Ein separater Bewegungsraum, der speziell für körperorientierte Interventionen und das therapeutische Boxen vorgehalten wird.
Die Ausstattung dieses Bewegungsraumes ist funktional und überschaubar gewählt: Ein Standboxsack, ein Stand-Punchingball, ein Schlagpolster, Pratzen sowie Boxhandschuhe in verschiedenen Größen. Eine kleine Stereoanlage sorgt bei Bedarf für gezielte musikalische Untermalung oder Rhythmisierung.
Eine Besonderheit ergibt sich aus der Architektur: Durch die Dachfenster eröffnet sich ein weiter Blick in die Ferne, während der Raum durch die Lage im Dachgeschoss zugleich vollkommen geschützt vor Blicken von außen ist. Diese Kombination aus Weite und Intimität vermittelt Patientinnen und Patienten sofort Sicherheit: Hier gilt ein anderer Rahmen als im Gesprächssessel. Hier darf gestanden, geatmet, geschwitzt und körperlich Raum eingenommen werden – und gleichzeitig bleibt das Setting geschützt genug, dass Scham, Tränen oder Erschöpfung ihren Platz finden.
2. Die Integration in das therapeutische Konzept
Therapeutisches Boxen steht in meiner Arbeit niemals isoliert als Fitnesstraining oder sportliches Sparring. Es fungiert als körperpsychotherapeutische Bottom-up-Intervention, die das psychotherapeutische Arbeiten gezielt vertieft:
- Aktion und Reflexion im Wechsel:
Wir agieren selten eine gesamte Sitzung durch gängig an den Geräten. Oft dauert eine Sequenz an den Pratzen oder am Standboxsack nur wenige Minuten. Unmittelbar danach folgt das Innehalten im Stand: Was spüren Sie im Körper? Wie verändert sich der Atem? Welches Gefühl oder welcher Gedanke meldet sich jetzt? - Körpergedächtnis und Affekttoleranz:
Traumata, Ohnmacht und verdrängte Affekte sind im somatischen Gedächtnis gespeichert. Über die Bewegung holen wir diese Zustände kontrolliert in das Hier und Jetzt, wo sie über den Körper reguliert und anschließend sprachlich verarbeitet werden können. - Haltung statt Ausagieren:
Das Einüben einer stabilen Grundstellung und Deckung ist weit mehr als Technik – es ist das somatische Erlernen von Standfestigkeit, Abgrenzung und
Selbstbehauptung.
Wie dieses Zusammenspiel in der Tiefe wirkt, zeigt die folgende Fallvignette.
3. Fallvignette: Frau K. (61 Jahre) – Vom Ausgeliefertsein zur eigenen Haltung
Ausgangslage und somatische Disposition
Frau K. wandte sich über das Kontaktformular meiner Praxis an mich. Nach früheren Panikattacken, einem Zusammenbruch und einer vorausgegangenen Verhaltenstherapie suchte sie gezielt nach einem körperorientierten Weg. Über Bekannte war sie auf das therapeutische Boxen aufmerksam geworden. Ihr Anliegen formulierte sie sehr klar: Sie wünschte sich mehr Klarheit für ihren Lebensweg, das aktive körperliche Bearbeiten alter Muster und das Integrieren „ungeweinter Tränen“. Sie neige dazu, Konflikte strikt zu vermeiden, müsse stets ruhig bleiben, fühle sich innerlich jedoch oft ohnmächtig und unfähig, sich zur Wehr zu setzen.
Biografisch lagen schwere Traumatisierungen vor: Im sechsten Lebensjahr war sie vom Vater der Stiefmutter missbraucht worden. Ihre Kindheit war geprägt von massiven körperlichen Misshandlungen durch die eigene Mutter, verknüpft mit dem Satz: „Schade um jeden Schlag, der vorbeiging.“ Zu der mittlerweile verstorbenen Mutter hatte sie den Kontakt vor vielen Jahren abgebrochen. Nach einer 16-jährigen Beziehung lebte die in der Pharmabranche tätige Patientin seit vier Jahren getrennt.
Körperlich klärten wir eine Neigung zu HWS-Blockaden sowie einen leichten Beckenschiefstand ab; beide Befunde standen nach funktioneller Prüfung einem dosierten Training nicht im Weg. Durch regelmäßige Yoga-Praxis brachte Frau K. zudem bereits eine gute Körperwahrnehmung mit.
Psychodynamik: Bremsen als notwendige Grenzziehung
Im Erstgespräch zeigte sich die Patientin überaus freundlich, zugewandt und reflektiert, wo bei im Kontakt immer wieder eine tiefe Traurigkeit durchbrach. Auffallend war ihr großer Drang: Sie war hochmotiviert und wollte am liebsten sofort in der ersten Stunde an den Boxsack.
Hier zeigte sich die erste zentrale therapeutische Dynamik: Hinter der Motivation verbarg sich ein vertrautes Muster des Ausgeliefertseins. Frau K. hatte sich im Vorfeld keine Gedankendarüber gemacht, ob sie sich mit einer vorschnellen körperlichen Konfrontation überfordern könnte. Sie lieferte sich dem Setting und dem Therapeuten vertrauensvoll aus, ohne eigene Grenzen wahrzunehmen oder zu schützen.
Mein therapeutischer Impuls war daher das bewusste Entschleunigen. Wir thematisierten diesen Mechanismus direkt: Bevor wir handeln, geht es darum, die eigene Verantwortung für persönliche Grenzen zu spüren. Als innere Ressource suchten wir nach einem gedanklichen Krafttier, das sie in Momenten drohender Überforderung schützen kann. Nach reiflicher Überlegung wählte sie den Fuchs – ein Tier, das Klugheit, Instinkt, Mut und Durchsetzungsfähigkeit besitzt, sich nicht aufgibt, sich geschickt durchs Leben schlägt und seine Familie schützt.
Multisensorische Annäherung und Dosierung
In der zweiten Stunde betraten wir den Boxraum. Statt sofort in die Bewegung zu gehen, ließ Frau K. zunächst nur die Atmosphäre und den Raum auf sich wirken. Bereits der Anblick der Handschuhe, des Standboxsacks und des Punchingballs vermittelte ihr eine spürbare Inspiration.
Als ersten Schritt legte sie weiße Schutzhandschuhe an, die sie von Beginn an wie einen stärkenden Talisman wahrnahm. Anschließend erarbeiteten wir ausschließlich die Grundstellung: fester Stand im Raum, Doppeldeckung und die parallele Visualisierung ihres Krafttiers. Noch vor dem ersten Schlag löste diese körperliche Haltung sichtbare Erleichterung, Freude und eine tiefe innere Zuversicht in ihr aus. Das Gefühl von Schutz und Selbstwirksamkeit war rein über den Körper aktiviert worden.
In der dritten Sitzung bezogen wir die Stereoanlage und gezielte Musik als tragendes Element ein. Wir wählten drei Stücke aus, die ihr Kraft vermitteln – darunter der „Winter“ aus Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten. Vor dem Spiegel übte Frau K. zunächst Grundschläge, während die Musik leise im Hintergrund lief. Die Steigerung erfolgte behutsam: erst an den Pratzen, schließlich am Boxsack, während ich die Musik schrittweise lauter stellte. Ihre Aufgabe bestanddarin, Schläge in unterschiedlichen Intensitäten zu dosieren. So lernte sie im geschützten Rahmen, ihre eigene Energie präzise einzuschätzen und rechtzeitig innezuhalten, bevor Anstrengung in Überforderung kippt.
Zwischenfazit des Prozesses
Frau K. ist überaus glücklich über diesen Schritt. Sie konnte ihre anfängliche innere Unsicherheit ein Stück überwinden und wurde sich ihrer eigenen Kraft wie auch ihrer Grenzen deutlichbewusster. Die Kombination aus Respekt vor der eigenen Belastbarkeit, Haltung und kontrollierter Kraftentfaltung führte zu einem spürbaren Zuwachs an Selbstsicherheit und gelebter Selbstwirksamkeit. Die Erfahrung, Schläge austeilen und dosieren zu dürfen, ohne die Kontrolle zu verlieren, bildet den Gegenpol zu den erlittenen Schlägen ihrer Kindheit. In den weiteren Einheiten wird es darum gehen, diese somatische Stabilität weiter zu festigen.
4. Herausforderungen im ambulanten Praxisbetrieb
Trotz der therapeutischen Tiefe, die solche Verläufe zeigen, bringt die Etablierung destherapeutischen Boxens im ambulanten Kontext strukturelle und praktische Hürden mit sich:
- Abrechnung und Gesundheitssystem:
Im vertragsärztlichen Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) existiert keine Abrechnungsziffer für Boxtherapie. Im Rahmender Richtlinienpsychotherapie lässt sich die Methode nur als integriertes körperorientiertes oder übendes Element einbinden; eigenständige Einheiten verbleiben im Selbstzahler- oder Coachingsegment. Hier braucht es langfristig fundierte Verbandsarbeit, um bewegungs- und boxtherapeutische Verfahren gesundheitspolitisch besser zu verankern. - Schwellenängste und Vorurteile:
Viele Patientinnen und Patienten verbinden mit dem Wort „Boxen“ zunächst Aggression, Härte oder Verletzungsgefahr. Es erfordert im Erstkontaktsensible Psychoedukation zu vermitteln, dass wir nicht gegeneinander kämpfen, sondern den Boxsport als strukturierten, achtsamen Beziehungs- und Regulationsraum nutzen. - Praxisinfrastruktur und Akustik:
Das Schlagen auf Pratzen und Sandsäcke erzeugt Dynamik sowie Tritt- und Körperschall. Auch in einer Dachgeschoss-Situation müssen Schallschutz, dämpfende Unterlagen und die zeitliche Abstimmung der Termine sorgfältig austariert werden, um andere Therapietermine und ggf. Nachbarn nicht zu beeinträchtigen. - Indikationsstellung und Pacing:
Boxtherapie ist kein Allheilmittel. Bei akuten psychotischen Dekompensationen, schweren dissoziativen Zuständen ohne Stopp-Signal oder in stabilen körperlichen Vorerkrankungen verbietet sich das Setting. Als ärztlicher Therapeut trage ich die Verantwortung, das Erregungsniveau im therapeutischen Fenster zu halten – wie der Fall von Frau K. zeigt, besteht die Kunst oft im rechtzeitigen Bremsen, nicht im Antreiben.
Gemeinsam weiterentwickeln
Die Erfahrungen der letzten Monate bestätigen eindrücklich: Wo Worte allein an Abwehr- oder Sprachgrenzen stoßen, kann das therapeutische Boxen einen unmittelbaren Zugang zu Haltung, Affekt und Selbstwirksamkeit ermöglichen.
Für uns als Fachgesellschaft EFWTB liegt darin ein klarer Auftrag: Wir müssen die praktische Arbeit in Praxen, Kliniken und Einrichtungen sichtbar machen, Erfahrungen bündeln und die Brücke zwischen handfester therapeutischer Praxis und wissenschaftlicher Fundierung weiterausbauen. Ich freue mich auf den weiteren fachlichen Austausch mit Ihnen und Euch allen.