Boxen für Wirksamkeit im Jetzt

Veröffentlicht am 15. Juli 2026 um 14:53

Vor wenigen Wochen habe ich in einer 45-minütigen Therapieeinheit mit einer Patientin therapeutisches Boxen praktiziert. Sie befindet sich in Behandlung an einer Tagesklinik für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie in Nürnberg — und hat dort zum ersten Mal die positive Wirkung von Boxtherapie erlebt. Die Klinik verfolgt ein ganzheitliches Behandlungskonzept, das auch komplementärmedizinische Therapieformen wie Bewegungs- und Sporttherapie einschließt.

Das therapeutische Boxen bildet einen Baustein ihres individuellen Therapieplans. Nach einem kurzen Warm-up und Technikteil gingen wir zu kontaktlosen Partnerübungen über. Mithilfe von Kombipratzen trainierten wir abwechselnd verschiedene Schlagkombinationen, darunter Führhand- und Schlaghandgerade sowie Seitwärtshaken. Anschließend arbeitete sie am Standboxsack mit vorgegebenen Schlagfolgen, beispielsweise: Führhandgerade, Schlaghandgerade, linker Seitwärtshaken, rechter Seitwärtshaken sowie einem Vor- und Rückschritt. Danach führte sie die nächste Schlagfolge aus.

Kurz vor dieser boxtherapeutischen Intervention hatte ich sie noch als Teilnehmerin eines Gruppenkurses für Meditation und Entspannung erlebt. Während die Therapeutin eine Achtsamkeitsübung anleitete, saß die Patientin im Gruppenraum auf einem Stuhl — lustlos, teilnahmslos, beinahe niedergeschlagen. Es wirkte, als sei sie nicht nur der Übung, sondern der eigenen Passivität überdrüssig geworden. Jetzt, direkt nach dem Cool-down der boxtherapeutischen Einheit, steht sie aufrecht, präsent, energiegeladen und neugierig vor mir. Sie fragt mich, wie sie Elemente der Boxtherapie auch zu Hause für sich nutzen könne. Sie erkundigt sich nach Equipment und Übungen, um selbstständig weiterzumachen. Nach etwa zehn Minuten Austausch verabschiedet sie sich sichtlich zögerlich; sie muss weiter zur nächsten Therapieeinheit.

Seit meiner Ausbildung zum diplomierten Boxtherapeuten an der Sporttherapeutischen Akademie Hannover ergänzt die Tätigkeit als Boxtherapeut mein berufliches Spektrum als selbstständiger Business und Personal Coach. Sehr viel häufiger als mit Patient:innen — wie jener an der Nürnberger Tagesklinik — arbeite ich allerdings mit Klient:innen, insbesondere mit Entrepreneuren und (werdenden) Führungskräften. Dabei verbinde ich klassisch gesprächsbasiertes Coaching mit Körpertechniken aus der Boxtherapie und dem Boxsport zu einem ganzheitlichen Ansatz: Box-Coaching. 

Diesem Ansatz liegt die Idee zugrunde, dass körperliche Aktivität — in diesem Fall das Boxen — positiv auf psychische Prozesse wirken kann. In der Mind-Body-Medizin wird dieser Zusammenhang auch als Bottom-up-Route beschrieben, im Unterschied zur Top-down-Route, bei der die Wirkrichtung umgekehrt verläuft: von kognitiven Prozessen hin zu körperlichen Reaktionen und emotionalem Erleben. Dies wird sowohl in vielen Psychotherapieverfahren als auch im Coaching genutzt, etwa wenn Gespräche mit einem Therapeuten oder Coach dazu dienen, sich maladaptiver Denk- oder Verhaltensmuster bewusst zu werden und diese anschließend zu verändern. Die Bottom-up-Perspektive setzt dagegen beim Körper an. Wenn ich beispielsweise mit Coachees an Führungsqualitäten arbeite, kann die körperliche Aktivität des Boxens — der boxende Körper in seiner Bewegung, Kraftentfaltung und Atemenergie — zur Entwicklung mentaler Qualitäten wie Souveränität, Überzeugungskraft, Durchsetzungsvermögen oder Verantwortungsfähigkeit beitragen. 

Der Neurowissenschaftler António Damásio bringt die Idee der Verkörperung geistiger Prozesse — der sogenannten embodied cognition — auf den Punkt: „The mind is embodied, not just embrained.“ Die Konsequenz daraus ist für mich klar: Ich möchte, ja darf meinen Klient:innen nicht bloß als kognitiv-sprachliches Gegenüber begegnen, sondern sollte ihnen ebenso als handlungsaktiver „Sparringspartner“ zur Seite stehen. In meinem speziellen Fall des Leadership Coachings geht es dabei häufig um Stressregulation, Fokus, innere Stärke und die Herausbildung eines Leadership Mindsets.

Auch wenn meine primäre Zielgruppe eine andere ist als im klassischen boxtherapeutischen Arbeiten und sich damit auch die Verantwortung unterscheidet – in der Therapie trägt der Therapeut die fachliche Verantwortung für Diagnostik, Behandlung und Prozess, im Coaching liegt die Prozessverantwortung beim Coach, die Umsetzung jedoch beim Coachee – bleiben die zugrunde liegenden Prinzipien im Wesentlichen dieselben.

Die Wirkmechanismen box- beziehungsweise allgemeiner kampfsporttherapeutischer Interventionen werden inzwischen an verschiedener Stelle ausführlich beschrieben — beispielsweise im Zusammenhang mit einer mindfulness-based boxing therapy (Johny Bozdarov et al. 2025), einer Budo-Gruppentherapie (Jasprit Singh et al. 2024), in einer Überblicksstudie zu boxtherapeutischen Programmen (Johny Bozdarov et al. 2022) oder in der bislang einzigen Buchpublikation zum therapeutischen Boxen („Nicht schmerzfrei, aber frei mit therapeutischem Boxen“ 2025) von Thomas Kopsch, einem meiner Dozenten für therapeutisches Boxen an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Für das Boxen bzw. für Kampfsportarten — ich begann mit Judo, später folgte ein kurzer Exkurs in Taekwondo — hatte ich schon immer eine Leidenschaft. Ich bin aktiver Boxsportler und arbeite als DOSB-Boxtrainer im Leistungssport mit Jugendlichen und Erwachsenen, Einsteigern wie Fortgeschrittenen. Mehr noch als der rein physische Aspekt interessiert mich jedoch die philosophische und psychologische Dimension des Boxsports. Daraus entstand mein Interesse an den Grundlagen und Methoden der Boxtherapie und schließlich der Wunsch, mich in diesem Bereich ausbilden zu lassen.

Zurück zur Patientin in der Nürnberger Klinik: Was war in diesen 45 Minuten geschehen, dass sie danach wie ausgewechselt wirkte, beinahe wie eine andere Person — nicht länger passiv, sondern aktiv? Allgemeiner gefragt: Was geschieht in einer „Sparring-Session“, die mit Körpertechniken aus dem Boxen arbeitet — sei es im therapeutischen oder im Coaching-Kontext?

Ich konzentriere mich auf zwei miteinander verbundene Wirkmechanismen: erstens Grounding im Hier und Jetzt, verbunden mit Verantwortungsübernahme, und zweitens die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. 

Grounding im Hier und Jetzt

Anders als unser Geist, der sich leicht in Vergangenheit oder Zukunft verliert, ist der Körper unweigerlich an die Gegenwart gebunden. Im Boxen wird diese Gegenwärtigkeit nicht nur erfahrbar, sondern funktional notwendig: Der Körper agiert, reagiert, adaptiert. Abstand, Timing, Rhythmus und Atem entstehen in einer kontinuierlichen Rückkopplung mit dem, was im Moment geschieht. Man kommt aus dem reinen Denken heraus — aus Vergangenheit und Zukunft — und unmittelbar ins Erleben. Wer boxt, ist aktiv im Moment. Passivität, wie ich sie beispielsweise bei der Patientin in der Nürnberger Klinik vor unserer Box-Session wahrgenommen habe, ist keine Option.

Für Menschen, die in gedanklichen Schleifen, innerer Erstarrung oder Zukunftsängsten festhängen, verschiebt sich dadurch die Aufmerksamkeit: weg von inneren Narrativen, weg von Rechtfertigungen hin zu dem, was sich im Körper gerade zeigt — und damit zu Verantwortung für das eigene Erleben. 

Selbstwirksamkeit

Für einen Schmerzpatienten, der gerade wenig Kontrolle über seinen Körper zu haben scheint, kann die Erfahrung von Selbstwirksamkeit entscheidend sein, ebenso für einen Coachee, der sich als Opfer äußerer Umstände erlebt. In einem solchen Kontext eignet sich körperliche Aktivität besonders gut als Startpunkt, da sich damit zuverlässigere Wirksamkeitserfahrungen herstellen lassen als in anderen Lebensbereichen die Krankheitserfahrung ist nun einmal da, ebenso die äußeren Umstände.

In einer Box-Session erfahre ich unmittelbar, dass ich den Boxschlag ausführe und damit den Boxsack oder die Pratze treffe. Ich spüre es in der Bewegung, im Atem, in den Geräuschen, im Rhythmus meiner Hände und im Impact am Ziel. Der boxende Körper wird dabei zum Verbündeten, der beachtliche Leistungen vollbringen kann. Diese positiven Wirksamkeitserfahrungen können sich auf andere Lebensbereiche ausweiten und so das allgemeine Gefühl von Selbstwirksamkeit sowie die wahrgenommene Kontrolle stärken. Sie können zu einer Ressource werden, um sich nicht länger vom eigenen (schmerzenden) Körper oder von äußeren Umständen zu entkoppeln, sondern Handlungsfähigkeit im eigenen Körper und in der jeweiligen Situation zurückzugewinnen.

Literatur

Bozdarov, Johny et al. Boxing as an Intervention in Mental Health: A Scoping Review. American Journal of Lifestyle Medicine, vol. 17, no. 4 (2022): 589-600. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10328201/

Bozdarov, Johny et al. Mindfulness-based (non-contact) boxing therapy (MBBT) for depression and anxiety: A feasibility study. Plos One (2025). https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318364

Kopsch, Thomas. Nicht schmerzfrei, aber frei mit therapeutischem Boxen. Tredition, Ahrensburg (2025). https://www.wiederfitfuersleben.de

Singh, Jasprit et al. Implementation of a Budo group therapy for psychiatric in- and outpatients: a feasibility study. Front. Psychiatry, vol. 15 (2024). https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2024.1338484/ full

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